Das Wurst-Paket oder Ich bin keine nette Frau

Wieder einmal nutze ich die Möglichkeiten der Mitfahrzentrale um von A nach B und wieder zurück zu gelangen. Die Hinfahrt ist zügig und reichlich ereignislos, wobei maximal das Verlangen nach einer Pinkelpause, was der Fahrer als persönlichen Affront ansieht, Konfliktpotential birgt.
Die Rückfahrt ist zwar auch zügig, aber nicht ganz so bequem. Meine Manie unbedingt „hinten“ sitzen zu wollen, birgt ungeahnte Gefahren. Denn ich reise in einem älteren Model eines VW Bus, der 1. keine bis zum Fenster durchgehenden Sitze hat, was das Schlafen für mich deutlich erschwert und 2. haben „hinten“ nicht nur zwei sondern drei Personen Platz.
Die ersten beiden (männlichen) Mitfahrer zuzüglich zum Fahrer sind unscheinbar und scheinbar angenehm. Man spricht kaum und muss keine lästigen Fragen („Was arbeitest Du denn?“, „Wie lange lebst Du schon in Stuttgart?“…blablabla) beantworten.
Wenig später steigt ein weiterer weiblicher Fahrgast zu. Sie hat irgendwie die Arschkarte, weil sie hinten in der Mitte sitzen muss und es keine Armlehnen gibt. Andererseits kriegen wir anderen unseren Teil der Arschkarte mit ab.
Sobald die junge Frau neben mir Platz genommen hat, bemächtigt sich ein unfassbarer Geruch nach Wurst im Allgemeinen und Räucherwurst im Besonderen der Luft im Wageninneren. Wie bei einem ganz penetranten Duftbaum, der noch Wochen nachdem man ihn endlich rausgeschmissen hat, stinkt. Weil sich gerade die übelsten Gerüche auch immer ganz besonders in den Polstern festsetzen. Das heißt wohl ich muss nachher alle meine Sachen verbrennen. Naja, vielleicht hilft auch Waschen.
Die weibliche Person neben mir, sieht – durch das Aroma irgendwie noch begünstigt – nach feister Fleischertochter aus. Sie ist in mehr oder minder fesches lila gekleidet. Ihr Antlitz hat die Form von Gesichterwurst – nur mit mehr Zähnen und Brille. Hinterrücks überfällt mich die Ahnung, dass ich keine besonders nette Frau bin. Aber was solls…
Auf dem Schoß hält sie in durchsichtige Plastikbeutel gehüllt mehrere Würste fest. Ich traue mich nicht das Wort an sie zu richten. Und habe auch keine Lust. Ich rede sowieso mit keinem im Bus. Dafür ist es auch zu laut.
Ich atme flach und blicke auf die Uhr. Noch 4,5h Stunden Minimum. Im Geiste betrete ich den nächsten Supermarkt. Die Szene im Bereich der Fleischtheke schwankt: Entweder falle ich dem Metzger um den Hals und heirate ihn vom Fleck weg, wenn er mir nur genügend Würste für den Rest meines Lebens verspricht. Oder ich muss schon brechen, wenn ich die Fleischtheke nur von ferne sehe. Ich muss doch jetzt hoffentlich kein Vegetarier werden?!
Ich versuche zu lesen, denn es ist noch hell und die Fahrt noch lang. Doch umwabert von Wurstgeruch kann ich mich nicht der klassischen Literatur widmen, die ich gerade angebermäßig lese. Statt dem attraktiven Dorian Gray sehe ich immer wieder nur Würstchen in den Zeilen tanzen: Rostbratwürstchen, Wiener Würstchen, Bockwürste, Knacker, Krakauer, Weißwürste… Das Buch müsste bei mir heißen „Das Bildnis der Wurst“. Nicht sehr klassisch.
Währenddessen ist das massige Metzgermädel neben mir eingeschlafen. Ich merke das, weil ihr Kopf nach links vorn hängt und unkontrolliert im Takt der Fahrt wackelt. Außerdem kippt sie immer weiter in meine Richtung. Nicht etwa nach rechts, wo der Mann mit dem Bart sitzt. Zwischendurch schreckt sie immer wieder hoch, setzt sich etwas aufrechter hin und entschlummert erneut.
Ich versuche weiterhin mich auf den schönen und noch unverdorbenen Dorian Gray zu konzentrieren. Aber es riecht immer noch ganz übel nach Räucherwurst. Mir fällt auch auf, dass sie bei all der Schläferei ihr Wurstpaket ganz fest hält. Die ganze Zeit. Eine Überlegung wert ist es ihr die Plastikbeutel mit den Würsteln zu entreißen und aus dem Fenster zu werfen. Der Apfel den ich ihr alternativ als Abendessen anbieten könnte, wäre aber wohl nicht so willkommen. Ich traue mich ja eh nicht.
Sie schläft aber nicht die ganze Zeit. Sie tippt auch auf ihrem Telefon rum. Dabei sitzt sie immerhin aufrecht. Zwischendurch hebt sie auch mehrfach die Hand zu Mund und Nase. Erst fürchte ich sie puhlt in ihren Zähnen rum, aber dann merke ich erleichtert sie gähnt nur. Als sie nach etwa 3 Stunden Fahrt, beginnt am Öffnungsmechanismus des Plastikbeutels herum zu fummeln – also sie macht den Knoten auf – kriege ich Angst. Ich halte schon mal die Luft an. Sie entnimmt der laschen Bevorratungstüte ein etwa 5cm großes Stück Wurst, isst es und macht den Beutel wieder zu. Sie wird auch den Rest der Fahrt nichts mehr davon essen.
Dafür muss ich stundenlang leiden? Weil die lila Landjägerin einen einzigen winzigen Wurstzipfel in ihren Rachen schiebt, stinkt sie seit Ewigkeiten das Auto voll?
Ich phantasiere mir schließlich als Erklärung etwas von einer Initiative der Metzgerinnung zusammen. Die sämtliche Lehrlinge mit einem duften Wurstpaket per Mitfahrgelegenheit auf Deutschlandtour schickt, um so mehr Leute auf den Geschmack zu bringen. Aromatherapie mal anders quasi. Die Umsatzzahlen müssen ja angekurbelt werden nach dem Pferdefleischskandal und so.
Wahlweise könnte es auch ein Vegetarierverein sein, der mit dem Wurstgasangriff die Menschen von ihrer Fleischeslust befreien will. Aber ich tendiere eher zur Metzgerinnung. Die haben nach der Geschichte mit dem Rinderfilet-zu-Roulade-degradiert ohnehin noch eine Rechnung mit mir offen. Das ist jetzt vielleicht paranoid. Aber nur vielleicht.
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