Intermezzo: Sophie und der Pianist

Es war einmal an einem trüben Dezembertag im Jahre 2011. Nur noch wenige Tage bis Weihnachten, aber noch keine Spur von Schnee. Nur Tristesse am Himmel. Graue Wolken die in einem feinen Sprühnebel Wassertropfen auf die Erde schickten.
Eine junge Frau – nennen wir sie Sophie – besuchte ihre Schwester in Dresden. Während ihre Schwester arbeiten musste, hatte Sophie den ganzen Tag Zeit durch die beeindruckende Stadt zu laufen. Sophie liebte Dresden, vor allem die Altstadt. Diesen geschichtsträchtigen Ort mit den beeindruckenden Bauten, dieser grandiosen Kulisse und dem barocken Flair.
Sophie hatte am Vortag bereits eine Stadtrundfahrt gemacht. Heute standen die Ausstellungen im Zwinger auf dem Plan. Die Rüstkammer, die Porzellanausstellung – all die Museen, für die bei vergangenen Besuchen keine Zeit war. An der Semperoper vorbei lief sie auf den nächsten Eingang zum Zwinger zu, den sogenannten Semperbau. Dort besichtigte sie als erstes die Rüstkammer mit ihren Schwertern, Pistolen und Rüstungen. Wieder entlassen aus der Waffenherberge blieb sie kurz vor der Tür stehen. Wo sollte sie als nächstes hin? Unter dem mächtigen Bogen des Semperbaus stehend, hörte sie plötzlich leise Musik. Sie schien aus dem Innenhof zu kommen. Sophie lauschte. Straßenmusiker waren für sie nichts neues. Dort wo sie wohnte sang alle paar Meter jemand oder spielt ein Instrument. Doch normalerweise wurde sie davon nicht so angezogen.
Zwinger Davide 001-2

Fantastische Kulisse und bezaubernde Klavierklänge

Etwas zögerlich ging Sophie in Richtung Innenhof. Gerade durchbrach die Sonne die grauen Wolken. Die Musik wurde lauter, doch sie konnte noch nichts erkennen. Sie stand am oberen Ende der Treppe und vor ihr lag der innere Zwinger: winterlich vertrocknete Rasenflächen, durchbrochen von Wegen aus verblasstem rotem Kies, stillgelegte Brunnen und gegenüber, mit Folie verhangen, der in der Sanierung begriffene Teil des alten Bauwerks.

Nicht viele Menschen waren heute unterwegs. Es war mitten in der Woche und viele blieben bei dem Wetter lieber im Warmen. Sie stieg die Treppenstufen hinunter in den Innenhof. Dabei blickte sie nach rechts, wo sich eine kleine Menschentraube unter anderem aus Teenies gebildet hatte. Von dort schien auch die Musik zu kommen. Klaviermusik. Hatten die Jugendlichen ein Radio dabei?
Mit den nächsten Schritten bot sich Sophie jedoch ein erstaunlicher Anblick: Ein schwarzer Flügel. Dort stand tatsächlich ein echter Flügel! Und jemand spielte darauf. Wie von einer Schnur gezogen, ging sie darauf zu. Das miese Wetter war vergessen. Wenige Meter vor dem Flügel blieb sie stehen. Die Melodie ging ihr zu Herzen. Pure Melancholie strömte aus dem Instrument und übertrug sich auf Sophie.
Der Pianist war ein junger Mann, in schwarz gekleidet. Schwarzer Mantel, schwarze Hose, ein schwarzer Schal um den Hals. Nur der Hut war taubenblau und darunter schauten seine dunklen schulterlangen Haare hervor. Den Kopf gesenkt, den Blick auf die Tasten gerichtet, fiel als erstes seine markante Nase auf. Das Gesicht selbst war schmal, recht blass, nur ein dunkler Bartschatten zeigte sich. Sophie hätte ihn sofort geheiratet, wenn er gefragt hätte.
Klaviermusik hatte sie schon immer geliebt, Pianisten bewundert für ihre Fähigkeit unter so vielen Tasten immer den richtigen Ton zu treffen. Und dieser hier konnte nicht nur spielen, sondern sah auch noch aus wie sie sich ihren Traummann vorstellte. Sie blieb stehen und hörte zu.
Die Jugendlichen gehörten zu einer größeren Gruppe und gingen nach wenigen Minuten. Doch andere Menschen blieben stehen. Immer neue Melodien zauberte der Pianist auf seinem Flügel. Oft zart und traurig, sehnsuchtsvoll, dann wieder kraftvoll, klangvoll, intensiv.
Ungeachtet der Kälte und des trüben Wetters setzte Sophie sich auf eine kleine Mauer direkt neben dem Flügel. Es war als hielten Musik und Musiker sie fest und warm. Für den Moment.
Nach etwa einer halben Stunde zauberhafter Klavierklänge mit verträumten Melodien unterbrach der Pianist sein Spiel. Er hatte Sophie bemerkt. Beinahe entschuldigend kündigte er ihr und den Umstehenden eine Pause an. Er machte einen ebenso schüchternen Eindruck wie Sophie in von sich selbst kannte. Als freue er sich über die Zuhörer, sei aber gleichzeitig beschämt, so im Mittelpunkt zu stehen.
Während der Pianist einige CDs verkaufte und Fragen beantwortete, nutzte Sophie nicht etwa die Zeit ihn in ein Gespräch zu verwickeln. Sophie hat mitunter eine große Klappe, aber wenn es darum geht ernsthaft auf fremde Menschen – zumal Menschen die sie beeindrucken und ihr gefallen – zuzugehen, ist sie äußerst zurückhaltend. Also flüchtete sie in die Porzellanausstellung. Natürlich konnte sie sich kaum auf die filigranen Tassen und Teller, die Figuren und anderen Kunstwerke konzentrieren. Immer wieder wanderte ihr Blick in Richtung des Innenhofes, der aber gar nicht einsehbar war von der Ausstellung.

Nur für mich... äh Sophie ;)

Nur für Sophie

Sophie hielt es nicht lange aus beim Porzellan. Vorsorglich nahm sie aus der angrenzenden Cafeteria einen Kaffee mit und ging nach nicht einmal einer Stunde zurück zum Mann mitdem Flügel. Längst schickten beide wieder bewegende Töne auf die Reise, der Pianist spielte weiter. Es waren weniger Menschen als vorher im Innenhof. Sophie setzte sich wieder auf die kleine Mauer. Erneut fing die Musik sie ein, übertönte das kalte und triste Wetter. In ihrer Hand der Kaffee kühlte schnell aus, doch auch das war egal. Die namenlosen Stücke schienen gleichzeitig mit ihrem Blut den Körper zu durchfluten. Sie fühlte sich angefüllt mit so vielen Empfindungen. Ihr Herz schien zerspringen zu wollen, ihr Magen war das reinste Schmetterlingsnest, in ihrem Hals saß ein Kloß und ihre Augen schwammen mit einem Mal in Tränen. Sie dachte an Menschen, die sie verloren hatte, an Menschen, die ihr geblieben waren, an alles was sie liebte, was ihr teuer war, wonach sie sich sehnte. Sie war glücklich und traurig, voller Sehnsucht und Melancholie.
Mit den Augen strich sie über die Umgebung. Sah dieses Bauwerk, dass sie so beeindruckte in der Stadt die sie liebte wie keine andere. Sah vereinzelt Menschen, die sich unterhielten oder der Musik zu hörten. Und dann sah sie das junge Paar. Nur wenige Meter entfernt. Das sich so verliebt ansah und zum Klavierspiel miteinander tanzte. Einen romantischeren Moment hatte Sophie noch nie erlebt. Ein paar Tränen liefen über ihre Wangen und sie konnte nicht sagen, warum sie weinte. Diesem regelrechten Ansturm an Gefühlen war sie nicht gewachsen. Sie saß einfach nur da und war überrascht wie sehr sie dieses Gefühlschaos genoss. Ausgelöst nur von den Klängen des Flügels.
Dann wischte sie sich doch etwas verschämt die Tränenspuren aus dem Gesicht und trank den letzten Schluck kalten Kaffee. Sophie würde diese Minuten angefüllt mit so vielen Emotionen als die intensivsten und auch glücklichsten in Erinnerung behalten.
In der nächsten Stunde während der sie weiter hingerissen dem Klavierspiel lauschte, entspann sich doch die ein oder andere kurze Unterhaltung mit dem attraktiven Pianisten. Schon sein Name klang schön und musikalisch. Nur zu gern erfüllte sie ihm den Wunsch und fotografierte ihn von der Balustrade des Zwingers. Dankeschön dafür war ein Lächeln und eine CD mit seiner Musik und einer Widmung.
Diese besondere Begegnung hat Sophie bis heute nicht vergessen. Die CD ist eine ihrer Liebsten, obwohl sie sie selten hört. Denn noch immer spürt sie einen Kloß im Hals, ihr Herz zerspringt und ihr Magen flattert, ihre Augen füllen sich mit Tränen und ihr Atem überschlägt sich bei den Klängen der Klaviermusik. Noch immer wirkt das Klavierspiel so intensiv auf sie, dass Gefühle sie überrollen und sie sich fortgetragen fühlt auf einer riesigen Welle.
Den Pianisten hat Sophie seither nicht wieder gesehen. Aber die Hoffnung gibt sie nicht auf.
Mehr zu und von Davide Martello auf www.klavierkunst.com
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Ein Gedanke zu “Intermezzo: Sophie und der Pianist

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