Owen Matthews: Winterkinder

Anhand seiner Familiengeschichte zeichnet Owen Matthews die Ereignisse insbesondere der letzten 80 Jahre in Russland nach. Über drei Generationen hinweg sind das Land und die Familien Bibikow und Matthews eng miteinander verbunden. Die geschichtlichen Irrungen und Wirrungen spiegeln sich eindrücklich in der Familienchronik.

Mein Lieblingssatz: „Sie reißt die Faust hoch, als sie mit würdevollen fünf Stundenkilometern an mir vorbeifährt, und schreit „Dawai, dawai!“ – ein nicht übersetzbarer Ausdruck des Überschwangs.“

_WinterkinderDie Geschichte der Familie Matthews beginnt natürlich schon viel früher. Doch Autor Owen Matthews beginnt sein autobiografisches Buch in den 30er Jahren, unter der Herrschaft Stalins in Russland. Nach Jahren der treuen und loyalen Arbeit wird Matthews Großvater Boris Bibikow von seiner eigenen Partei zum Verräter erklärt und ermordet. Seine Frau Marta wird ebenfalls angeklagt und zu einer Zuchthausstrafe verurteilt. Ihre beiden Kinder Lenina (12) und Ljudmila (4) werden in Waisenhäuser verbracht und schließlich – dank der Unruhen im Land – ebenfalls getrennt. Der Zufall lässt die Schwestern erst nach Jahren wieder aufeinander treffen.
Ljudmila ist ein kluges und aufgewecktes, fröhliches Kind. Weder die schrecklichen Ereignisse um ihre Familie noch ihre körperliche Behinderung aufgrund einer Knochentuberkulose scheinen sie in irgendeiner Art und Weise zu beeinträchtigen. Nach Stalins Tod, ist der Makel ihrer Herkunft sogar beinah ausgelöscht. Sie schließt erfolgreich ihre Ausbildung ab und findet eine Arbeit in Moskau.
Der junge Brite Mervyn Matthews ist fasziniert von Russland. Immer wieder reist er nach Moskau – sowohl als Student als auch zum Arbeiten. Immer wieder kommt er dabei mit dem KGB in Kontakt. Viel enger als ihm lieb ist. Und seine Absage für den Geheimdienst zu arbeiten, wird ihn teuer zu stehen kommen.
Als er schließlich Ljudmila kennenlernt und heiraten will, wird die Verbindung vereitelt. Mervyn wird ausgewiesen, Ljudmila darf nicht ausreisen. Über 6 Jahre hinweg lebt das Paar von hingebungsvollen Briefen – die sie alle aufbewahren! Mervyn unternimmt größte Anstrengungen seine Verlobte zu sich nach Großbritannien zu holen. Er zerstört seine Karriere, macht sich bei allerlei Politikern unbeliebt, gibt all sein Geld aus, lebt nur noch für die Aufgabe der Wiedervereinigung mit seiner Geliebten.
Aus der Verbindung geht schließlich Qwen Matthews hervor. Auch er fasziniert von dem riesigen Land im Osten. Seiner Kultur, dem Widerstreit zwischen immensen Reichtum und bitterer Armut. Auch er lebt und arbeitet jahrelang in Moskau. Lernt seine Frau dort kennen. Die Aufzeichnungen seiner Familiengeschichte vor dem Hintergrund der großen Umwälzungen in Russland der letzten Jahrzehnte beginnt er bereits vor vielen Jahren.

Absolut überwältigend

Ein absolut überwältigendes Buch. So groß und beeindruckend wie Russland selbst. Zu sagen, die interessantesten Geschichten erzählt immer noch das Leben, mag angesichts der schlimmen Ereignisse, makaber klingen. Aber meiner Meinung nach trifft genau das zu.
Die Geschicke der Familien Bibikow und Matthews sind untrennbar mit den politischen Ereignissen der Sowjetunion verbunden. Es braucht weder künstliche Dramatik noch Romantik oder Spannung. Die Ereignisse stehen für sich. Dementsprechend neutral gibt Matthews sie auch wieder.
Er zitiert viel aus den teils sehr poetischen Briefen seiner Eltern, zeichnet ihre Bemühungen auf eindrückliche Weise nach. Die Sprache von Matthews ist Großteils klar und Fakten-wiedergebend. Dann wieder findet er einen farbigen Stil, eine poetischen Sprache um das Land und die Lebenswege seiner Verwandten und Vorfahren sowie sein eigenes Leben zu schildern.
Ich selbst bin absolut hingerissen. Das Buch ist spannend geschrieben, geschichtlich interessant, vor allem aber ist es bewegend. Die Familie macht es lebendig und echt und die privaten Fotos berühren sehr.
Mag sein, dass sowjetische Zeitgeschichte nicht für jeden interessant ist. Doch hier kommt sie gut verpackt in einer zu Herzen gehenden und dramatischen Familiengeschichte daher. Wird von mir definitiv empfohlen.

Autorenporträt
Owen Matthews, geboren 1971 in London, studierte Neuere Geschichte in Oxford und begann seine Karriere als Journalist in Bosnien. 1995 ging er als Redakteur nach Moskau und schrieb von dort als freier Korrespondent für The Times, The Spectator und The Independent. Seit 1997 Korrespondent für Newsweek. Er lebt heute mit seiner russischen Frau und zwei Kindern in Istanbul.

Buchinfo
„Winterkinder“ von Owen Matthews, erschienen im März 2014 im Graf-Verlag, Hardcover, 400 Seiten, € 22,99, ISBN-13 9783862200450
eBook: 400 Seiten, € 19,99, ISBN-13 9783843706889

Quellen
Bild: www.ullsteinbuchverlage.de / Text (außer Autorenporträt): Susanne

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Ein Gedanke zu “Owen Matthews: Winterkinder

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