Cornelia Gerlach: „Mich faszinieren starke Frauen mit Brüchen in ihren Biografien.“

Mit ihrem Buch-Debüt „Pionierin der Arktis. Josephine Pearys Reisen ins ewige Eis“ hat Cornelia Gerlach mich sehr beeindruckt. Die reisefreudige Autorin lebt in Berlin – wenn sie nicht in der Welt unterwegs ist. Und das ist sie ihren eigenen Angaben nach sehr oft. Mali, Madagaskar, Kalkutta, Birma sind nur einige ihrer Destinationen. Schön, dass sie zwischen ihren Reisen und ihrer Arbeit u.a. für Brigitte, Die Zeit und mare einen Weg gefunden hat, die Geschichte der beeindruckenden Josephine Peary aufzuschreiben. Und noch mehr freue ich mich, dass Cornelia Gerlach sich die Zeit genommen hat, meine neugierigen Fragen zu beantworten. Denn den aktuellen Kinofilm „Nothing but the night“ über Josephine Peary habe ich zum Anlass genommen, die Autorin um ein Interview zu bitten.

Ich hoffe, Ihr habt ebenso viel Freude an dem Interview wie ich.

Wie und wo sind Sie auf die Geschichte der Josephine Peary gestoßen?

Das erste Mal gesehen habe ich Josephine Peary auf einem Foto: Das feine Gesicht war gerahmt von einem Kranz aus Pelz an der Kapuze, und über der Schulter hing ein Gewehr. Ich war hin und weg. Ich bereitete mich damals selbst gerade auf eine Reise in die Arktis vor und fand das ganz schön mutig. Da hat mich beeindruckt, dass schon um 1891 eine Frau sich in diese eisigen Regionen gewagt hat. Ich wollte mehr über sie wissen. Ihr Tagebuch „My Arctic Journal“ ist als Reprint erschienen, im Vorwort waren die wesentlichen Etappen ihres Lebens skizziert. Mit diesem Buch im Gepäck bin ich dann nach Spitzbergen gereist, in den europäischen Teil der Arktis.

_Pionierin der ArktisWas hat Sie daran fasziniert, ein Buch über Josephine Peary zu schreiben?

Zum einen der Mut dieser Frau, allen Kritikern zum Trotz ihren Weg zu gehen. Es war damals ja keineswegs üblich, in die Arktis zu reisen, überhaupt freiwillig draußen in der Natur zu leben. In der feministischen Geschichtsschreibung taucht Josephine Peary nicht auf, weil sie „nur“ mitreisende Ehefrau war. Mich hat beeindruckt, wie radikal sie ihre Pläne umgesetzt hat. Nicht als Anhängsel ihres Mannes, sondern als Partnerin in einem gemeinsam voran getriebenen Projekt. Zum anderen hat mich das Drama berührt: Wie sie alle Hebel in Bewegung gesetzt hat, in die Arktis zu reisen, um ihrem Mann zu helfen, und dann feststellen musste, dass er in Nordgrönland mit einer Inuit-Frau eine zweite Familie gegründet hat. Mir war klar, dass das der Stoff für eine große Geschichte ist.

Wie ging die Recherchearbeit von statten?

Die Maine Women Writer Collection in Portland in den USA bewahrt den Nachlass von Josephine Peary. In diesem Archiv habe ich geforscht: In vielen, gut sortierten Kartons sind dort die Briefe, Fotos, Zeitungsartikel, Urkunden und auch einige Schätze wie Josephines Gewehr verwahrt. Auch in den National Archives in Maryland ist viel zu Robert E. Peary zu finden, vor allem die Fotos von den Exkursionen. Ein grandioser Fundus für alle, die sich ein Bild machen wollen. Die Pearys waren ja mit einer Rollfilm-Kamera von Kodak unterwegs und haben, wenn auch ohne große künstlerische Ambition, ihre Reisen dokumentiert. Hinzu kommt: Josephine war ein Medienstar, sie konnte kaum einen Schritt tun, ohne dass Reporter darüber schrieben. In den großen Zeitungsarchiven lässt sich deshalb viel von ihrem Leben rekonstruieren. Natürlich bleiben Lücken. Ein zentrales Dokument, der wütende Brief, den sie Robert schrieb als sie entdeckte, dass er fremd gegangen war, wurde vor einigen Jahren bei einer Auktion versteigert und ist für die Öffentlichkeit nur noch in Auszügen zugänglich. Immerhin konnte ich diese Auszüge lesen – und so basiert das Buch auf der Recherche, auch wenn es sich über lange Strecken liest wie ein Roman.

Segeln in der Arktis: „Diese Erfahrung hat das Schreiben geprägt.“

Sind Sie auch auf Josephines Spuren gewandelt und haben die Arktis besucht?

Ja und nein. Ich bin 2010 mit Freunden auf der Schoneryacht Esprit in der Arktis gesegelt, fünf Wochen waren wir vor Spitzbergen unterwegs. Ich hatte ein dickes Tagebuch und habe viel von der grandiosen Natur, der unendlichen Stille, der kaum vorstellbaren Einsamkeit notiert. Im hohen Norden kann es einem ja auch heute noch passieren, dass man über hunderte von Kilometern so ziemlich der einzige Mensch ist. Diese Erfahrung hat das Schreiben geprägt. Leider bin ich bisher nicht in Grönland gewesen, und schon gar nicht in Nordgrönland, wo Josephine Peary unterwegs war. Aber das kann ja noch kommen.

Hatten Sie Kontakt zu Josephine Pearys Nachfahren?

Nur indirekt, über die Dokumente, die sie veröffentlicht haben. Leider war ich zu früh im Jahr in Maine, um Eagle Island zu besuchen, die Insel, auf der die Pearys ihr Sommerhaus hatten und wo Josephine die Nachricht erhielt: „Habs endlich geschafft. Hab den D.O.P.“, was das vereinbarte Codewort für den Pol war. Aber ich war ganz in der Nähe und hab die Insel durchs Fernglas gesehen, ein schmuckes kleines Island vor der Küste.

_Gerlach, C.

Die reisefreudige Autorin Cornelia Gerlach (C) by Ulrike Stodt

Mit dem Film „Nothing but the night” ist Josephine Pearys Leben in der Arktis auch verfilmt worden. Haben Sie an dem Filmprojekt mitgewirkt?

Nein, der Film ist ohne mein aktives Mitwirken entstanden. Ob Miguel Barros, der das Drehbuch geschrieben hat, die „Pionierin der Arktis“ kannte, weiß ich nicht.

„Der Film hat einen wahren Kern.“

Inwieweit beruht der Film auf den tatsächlichen Begebenheiten gemäß Josephine Pearys Aufzeichnungen?

Der Film hat einen wahren Kern, geht aber sehr frei damit um. Die Handlung beginnt um 1908, also in dem Jahr bevor Robert Peary zum Pol kommt. Die Geschichte von Liebe und Ehebruch, die er erzählt, hat sich schon 1901 zugetragen. Aber der Film will ja auch keine Dokumentation sein, sondern er nimmt reale Begebenheiten zum Ausgangspunkt, um etwas ganz eigenes zu erzählen.

Gibt es auch andere Persönlichkeiten über die Sie gern schreiben möchten?

Ja, mich faszinieren starke Frauen mit Brüchen in ihren Biografien. Es gibt ein neues Projekt. Aber es ist noch zu früh, darüber zu reden.

 

Herzlichen Dank an Cornelia Gerlach für die Beantwortung meiner Fragen und an Hanna Biresch von Rowohlt für die freundliche Vermittlung.

Autorenporträt
Cornelia Gerlach, Jahrgang 1960, lebt und arbeitet als freie Journalistin in Berlin. Sie schreibt Reportagen unter anderem für Brigitte und Mare ist in der Journalistenausbildung tätig. Im Sommer 2010 segelte sie selbst in die Arktis. Bei den Vorbereitungen zu dieser Reise hat sie ihre Heldin entdeckt.

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