Henry Marsh: Um Leben und Tod

Sie verkörpern Hoffnung, oft genug die letzte Rettung und gelten vielen als Götter in Weiß: Ärzte, speziell Chirurgen, noch spezieller Neurochirurgen. Henry Marsh ist ein solcher Neurochirurg. Er hat mit den verschiedensten Tumoren im/am Gehirn und der Wirbelsäule zu kämpfen. Bei ihm suchen verängstigte Patienten Hilfe. Über seinen Arbeitsalltag hat der britische Chirurg nun ein Buch geschrieben.

Um Leben und Tod von Henry Marsh

Um Leben und Tod von Henry Marsh

Aneurysma, Glioblastom, Meningeom, Oligodendrogliom, Plexuspapillom, Ependymom … sind nur einige der Tumoren mit denen ein Neurochirurg (gemeinhin auch als Hirnchirurg bezeichnet) zu tun hat. Henry Marsh kennt all diese Begriffe. Er ist ein Neurochirurg. Und kurz vor seinem Ruhestand zieht er Bilanz, lässt seine Fälle Revue passieren.
In den einzelnen Kapiteln erzählt er von verzweifelten Patienten, die sich hoffnungsvoll in seine Hände begeben. Er berichtet von seinen Erfolgen, aber auch von seinen Fehlern. Und jeder Fehler den er macht, hat für den jeweiligen Patienten katastrophale Folgen. Lähmungen, Sprachverlust, Koma, sind nur einige der Konsequenzen. Marsh weiß inzwischen, dass in der Hirnchirurgie nicht nur Können, sondern auch Glück eine Rolle spielt.
Neben den speziellen Tumoren und deren Behandlung, berichtet Marsh auch über den Alltag in seiner Praxis und dem Krankenhaus in dem er arbeitet. Über bürokratische Sinnlosigkeiten und hanebüchene Regeln die fachfremde Manager ersonnen haben, um das Unternehmen Krankenhaus noch lukrativer zu machen. Über Bettenmangel, Planlosigkeit, Frustration und unüberlegten Aktionismus, aber auch über engagierte Kollegen und Pflegekräfte.
Marsh berichtet ebenso über seine eigenen Erfahrungen als Patient. Als sich beispielsweise seine Netzhaut vom Auge zu lösen begann oder er sich das Bein brach oder als bei seinem kleinen Sohn ein Hirntumor festgestellt wurde. Dies trug sicherlich dazu bei, ihn seine Patienten, ihre Ängste und Sorgen besser verstehen zu lassen.
Sein Werdegang wird beschrieben. Ebenso sein Engagement in einem Krankenhaus in Kiew, das er regelmäßig besucht. Offen spricht er über Selbstüberschätzung, Ehrgeiz und auch Zweifel. Wie schwierig der Umgang mit Patienten ist und dass ein Chirurg auch entscheiden können muss, wann eine Operation nicht mehr hilfreich ist.

Äußerst interessant, aber verbesserungswürdig

Ich mag ja Bücher, in denen jemand aus seinem Leben erzählt – sei es der Beruf oder ein Hobby. Und Hirnchirurgie ist ein extrem faszinierendes Thema. Ich war also freudig erregt, als ich „Um Leben und Tod“ von Henry Marsh in den Händen hielt.
Es ist ein gutes Buch. Es ist informativ und äußerst interessant. Henry Marsh ist offen und ehrlich, wenn ich auch nicht den Eindruck von schonungsloser Ehrlichkeit habe. Aber er beweihräuchert sich definitiv nicht. Er prahlt nicht mit Erfolgen, sondern berichtet eben auch über die Patienten bei deren Operation etwas schief gelaufen ist. Gibt auch zu, dass es mitunter seine Selbstüberschätzung war, die dazu führte.
Natürlich ist es dem Thema geschuldet, dass mit vielen Fachbegriffen hantiert wird. Und auch wenn das ziemlich blöde ist, war ich froh, um die Folgen „Grey´s Anatomie“ die ich gesehen habe, da mir dadurch einige Begriffe tatsächlich geläufig waren. Nichtsdestotrotz wäre es wünschenswert gewesen im Buch die Abbildung eines Gehirns mit den Bezeichnungen der einzelnen Areale unterzubringen. Oder noch besser: Bei jedem Kapitel eine Gehirnabbildung in der markiert ist, worum es in diesem Abschnitt geht. Dann wäre es für einen Laien noch verständlicher.
Mein zweiter Verbesserungsvorschlag wäre eine kurze Information zur Struktur des Gesundheitssystems in Großbritannien. Ich habe leider nicht immer verstanden, ob Marsh jetzt in einem Krankenhaus oder in der eigenen Praxis arbeitet bzw. wie die Patienten zu ihm gelangen, da die Kapitel nicht chronologisch einzuordnen sind. Das fand ich etwas undurchsichtig.
Von diesen beiden Dingen abgesehen, fand ich die Lektüre klasse und wie bereits erwähnt, auch äußerst interessant. Das ist ein spannendes Thema und es war schön, nachzulesen wie ein Neurochirurg mit dem immensen Druck umgeht, der auf ihm lastet.
Ich empfehle das Buch gern weiter. Unbedarfte Laien besorgen sich vielleicht vorher ein Schaubild eines Gehirns mit Bezeichnung der einzelnen Regionen, um bei der Lektüre nachzuschauen, wo gerade operiert wird. 😉

Ähnliche Bücher:
Dr. Afschin Fatemi: „Einmal J.Lo´s Po, bitte“
Oliver Sacks: „Das innere Auge“

Autorenporträt
Henry Marsh ist einer der renommiertesten Hirnchirurgen Englands und arbeitet als Consultant Neurosurgeon am Atkinson Morley’s / St. George’s Hospital in London. Vor seinem Medizinstudium am Royal Free Hospital in London hat er Wirtschaft, Politik und Philosophie in Oxford studiert. Mit einer von ihm gegründeten Stiftung operiert Marsh häufig in der Ukraine, wo er sich Patienten widmet, die sonst ohne ärztliche Hilfe blieben. Über ihn und seine Arbeit sind zwei preisgekrönte TV-Dokumentationen gedreht worden. 2010 wurde ihm der britische Verdienstorden verliehen.

Buchinfo
„Um Leben und Tod. Ein Hirnchirurg erzählt vom Heilen, Hoffen und Scheitern. Ein SPIEGEL-Buch“ von Henry Marsh, erschienen April 2015
Hardcover: Gebundenes Buch im Schutzumschlag, 352 Seiten, € 19,99, ISBN: 978-3-421-04678-9
eBook: Format: ePub, € 15,99, ISBN: 978-3-641-15370-0

Quellen
Bild: www.randomhouse.de / Text (außer Autorenporträt): Susanne

 

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