Ronja von Wurmb-Seibel: Ausgerechnet Kabul

Nach einem kurzen Aufenthalt im Auftrag der ZEIT in Afghanistan lässt das vom Krieg gebeutelte Land Ronja von Wurmb-Seibel nicht mehr los. Scheinbar gegen alle Vernunft beschließt die junge Journalistin für längere Zeit in das Land zu ziehen. In der Hauptstadt Kabul lässt sie sich für ein Jahr nieder. Ihre Erlebnisse, Gespräche und Eindrücke hat sie in diesem Buch zusammengefasst.

„Sosehr ich mir auch das Gegenteil vornehme, die Sätze machen mich jedes Mal wütend. Weil sie unterstellen, dass es Menschen gibt, die schon irgendwie damit klarkommen, wenn ihr Bruder von einer Bombe in Stücke gerissen oder ihr Vater erschossen wird. Dass es Menschen gibt, die den Krieg ganz gut aushalten. Ist es dann noch so schlimm, Krieg zu führen? Wo die Menschen ihn ja irgendwie ertragen?
Eine Redakteurin schrieb mir ernsthaft, man brauche solche Sätze, weil man sich ja sonst wundere, wie die Afghanen das alles aushalten. Ach so. Na dann.
Sie halten es nicht aus! Sie haben nur einfach keine andere Wahl.“ (Zitat Seite 235/236)

Ausgerechnet Kabul von Ronja Wurmb-Seibel

Ausgerechnet Kabul von Ronja Wurmb-Seibel

Es scheint eine völlig unbedachte Idee von Ronja von Wurmb-Seibel nach Afghanistan ziehen zu wollen. Doch die junge Journalistin ist von ihrem Plan überzeugt. Nachdem sie für die ZEIT bereits einige Tage in dem arabischen Land gearbeitet hat, lässt es sie nicht mehr los. Nicht die Soldatencamps will sie sehen, wie bei ihrem kurzen Aufenthalt, sondern das echte Leben in diesem Land, in dem und um das so verbissen gekämpft wird.
Ronja zieht nach Kabul, die Hauptstadt. Als Frau, allein, in ein Land mit recht rigorosen Vorgaben für das Leben als Frau. Und doch hat sie als Ausländerin ein wenig Narrenfreiheit. Als freie Journalistin unterliegt sie zudem keinen Beschränkungen, welche Lokale sie beispielsweise besuchen darf. In Firmen angestellten Ausländern wird aus Versicherungsgründen vorgegeben, wo sie essen und trinken können, welche Orte sie meiden sollen. So bleiben diese Ausländer zumeist unter sich.
Anders als Ronja, die in einer WG unter kommt und auf verschiedenste Weise mit Land und Leuten in Berührung kommt. Sie interessiert sich für das Leben im und mit dem Krieg, für die Geschichten, die ihre Haushaltshilfe, der Pförtner, ihr Dari-Lehrer ihr erzählen. Zumeist tragische Geschichten über den Verlust von Verwandten und Freunden, die Entbehrungen, die Angst, die der ständige Krieg mit sich bringt. Aber auch Geschichten von jungen Menschen, die etwas verändern wollen, die sich einsetzen und bemühen.
Geschichten auch von Soldaten, die in Afghanistan stationiert sind. Die monatelang in ihrem Camp eingeschlossen sind, keinen Kontakt zur Bevölkerung haben und deren Misstrauen und Vorurteile sich dadurch mehren. Geschichten von einer örtlichen Polizeitruppe, die nach dem Abzug der ISAF-Truppen der Bedrohung durch die Taliban nicht Herr werden. Weil es an allem hinten und vorne fehlt. Auch an der Nachsorge der NATO, wenn es um die Kampfmittelbeseitigung auf Übungsarealen oder Kriegsschauplätzen geht.
Hintergrundinformationen zur Geografie des Landes, der Aufteilung, den Machtverhältnissen sowie den religiösen Gruppierungen runden die vielen Storys rund um die Menschen ab.

Äußerst beeindruckend

Ich bin ganz schrecklich beeindruckt. Von dem Buch und auch von der Autorin. Dank meiner Vorbehalte käme ich nie auf die Idee nach Afghanistan zu reisen. Dass Ronja von Wurmb-Seibel diesen Schritt gewagt hat, finde ich bewundernswert.
Mit all den tragischen Geschichten ist mir das Buch sehr nahe gegangen. Es ist nicht einfach die trockene Schilderung eines Journalisten aus der Ferne. Man sitzt auch als Leser mittendrin. Mehrfach habe ich vom Buch aufgeblickt, weil ich nach dem Gelesenen erst mal durchatmen musste. Und habe dann auch erst einmal wieder in die Realität finden müssen. Dass ich nicht im auf dem staubigen Boden sitze und mich mit drei Schwestern vor einem Soldatencamp unterhalte oder mit Nabi, dem Wächter, durch den Garten laufe und mir die Pflanzen erklären lasse.
Meine bisherige Literatur zum Krieg in Afghanistan bestand lediglich aus Büchern, die (ehemalige) Soldaten geschrieben haben. Nun die Seite der Zivilisten kennenzulernen, ist überwältigend. Ein ganz wichtiges Buch, aus dem ersichtlich ist, wie dramatisch die Lage dort nach wie vor ist. Und vor allem, dass dort Menschen leben – nicht pauschal Terroristen.
Ronja von Wurmb-Seibel schreibt ohne Effekthascherei, schnörkellos und verständlich. Insbesondere die örtliche Konstellation aus Machthabern und den verschiedenen religiösen Gruppen wird verständlich erklärt. Die Geschichten der vielen verschiedenen Menschen berühren den Leser. Klingt vielleicht unpassend, aber das Buch ist spannend, überaus interessant und ich konnte es gar nicht mehr aus der Hand legen. Ganz großes Kino.
Ich habe aus der Lektüre einiges gelernt. Und sollte ich zum Ende des Jahres hin eine Top-Ten-Liste 2015 erstellen, ist dieses Buch ganz sicher mit dabei. Jeder, der sich auch nur halbwegs für andere Menschen interessiert, sollte das Buch lesen.

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Autorenporträt
Ronja von Wurmb-Seibel, 1986 geboren, studierte Politikwissenschaften in München. Sie arbeitete als Redakteurin im Politik-Ressort der Zeit, ehe sie 2013 – als damals einzige deutsche Journalistin – nach Kabul zog. Von dort aus schrieb sie die wöchentliche Kolumne »Ortszeit Kabul« für die Zeit, den Blog »Kabul, 2014« für Zeit Online sowie Reportagen für diverse Magazine. Zusammen mit ihrem Partner Niklas Schenck produzierte sie für den NDR Dokumentarfilme über Afghanistan. Ihre Arbeiten wurden mehrfach ausgezeichnet. Ronja von Wurmb-Seibel kehrte im Dezember 2014 nach Deutschland zurück.

Buchinfo
„Ausgerechnet Kabul – 13 Geschichten vom Leben im Krieg“ von Ronja von Wurmb-Seibel, erschienen März 2015 bei DVA
Hardcover: Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 256 Seiten, mit Abbildungen, € 17,99, ISBN: 978-3-421-04676-5
eBook: Format: ePub, € 13,99, ISBN: 978-3-641-13669-7

Quellen
Bild: www.randomhouse.de / Text (außer Autorenporträt): Susanne

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4 Gedanken zu “Ronja von Wurmb-Seibel: Ausgerechnet Kabul

  1. Wow, alleine die Beschreibung des Buches und dann noch deine Meinung dazu wecken in mir den enormen Wunsch das Buch zu lesen. Hab es gleich mal auf meine Leseliste gesetzt. Normalerweise lese ich nicht so viel reale Geschichten, aber das fasziniert mich jetzt richtig. Vor allem die Idee im Ausland alleine die Welt zu erkunden und dort zu »forschen und entdecken« beeindruckt mich. Ob mir das auch liegt?
    Liebe Grüße und danke für den neuen Bücherwunsch. 🙂
    Itchy

    Gefällt 1 Person

  2. Pingback: MoFra: Welches sind Deine Jahreshighlights? | Wortgestalten

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