Ecu/Gal: Endlich raus aus dem Dschungel! Oder nicht?

31. Oktober 2015

Wieder weckt mich der Sonnenaufgang. Ich packe meine Tasche, was ich am Vorabend im Dunklen nicht mehr gemacht habe. Als ich zum Frühstück gehe, ist dort schon einiges los. Die Früchtetruppe reist ab und überall steht Gepäck. Daher bin ich froh, dass ich meine Tasche noch in der Cabana gelassen habe. Am Ende rafft das irgendein übereifriger Mensch mit ein.

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Abschied von der Feuerstelle

Auch Regina und Andreas sowie Katrin und Toni reisen heute ab. Sie sind jeweils mit dem Auto unterwegs und ähnlich flexibel wie ich, was die Abfahrt angeht. Gemeinsam wollen wir 9Uhr mit dem Kanu zum Puerto Barantillo gebracht werden. Denn zwischen 9.15 und 9.30 Uhr kommt mein Bus nach Tena.

Von wegen in Südamerika geht es gemächlich zu!

Wir müssen auf Katrin und Toni etwas warten und legen erst viertel nach 9 am Puerto Barantillo an. Bis wir aus dem Kanu geklettert sind und unser Gepäck gefasst haben und bis wir vom Anleger in Richtung Straße gelaufen sind, vergehen noch einmal 2-3 Minuten. Ich bin noch etwa 30m von der Haltestelle und der Straße entfernt, als ich den Bus im zügigen Tempo vorbeirauschen sehe. Mist. Der war aber echt überpünktlich heute. Wo die es doch in Südamerika angeblich eher gemächlich angehen!?

Auf dem Parkplatz halte ich noch einen kurzen Plausch  mit den beiden Paaren. Insgeheim hoffe ich, dass Regina und Andreas mir vielleicht doch noch anbieten bei ihnen mitzufahren. Denn die beiden fahren auch nach Quito. Aber sie entschuldigen sich, weil ihr Auto so klein sei und nicht viel Power hätte und sowieso voll sei. Schade. Katrin und Toni fahren leider in die falsche Richtung.

Der nächste Bus kommt ja sowieso in einer Stunde. Oder?

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2h warten auf den Bus

Mutterseelenallein im Regenwald

Während die beiden Autos in einer Staubwolke verschwinden, suche ich an der Haltestelle nach einem geeigneten Platz, um zu warten. Denn obwohl das hölzerne Gestell, das gleichzeitig als Hinweisschild dient, überdacht ist, spendet es dank des Sonnenstandes um diese Zeit gar keinen Schatten. Die paar Quadratzentimeter Schatten in der Nähe sind voller Müll und damit auch Fliegen. Extrem lästig.

Vor mir liegt die graue Schotterpiste und genau gegenüber öffnet sich er Regenwald etwas und zeigt eine eher flach bewachsene Stelle, die erst weiter hinten wieder mit höheren Bäumen bestanden ist. Der Himmel ist blau, ein paar weiße Wolken, die Sonne scheint und all dieses Grün um mich herum. Ein paar Schmetterlinge flattern durch die Gegend. Aber ein Foto zu machen ist schwer, weil sie nie lange genug auf einem Blatt sitzen bleiben.

Ich stehe mir die Beine in den Bauch und schwitze wie bekloppt in der vormittäglichen Hitze. Zurück zum Fluss zu gehen traue ich mich nicht; es könnte ja jederzeit ein Bus kommen. Stattdessen rattern lediglich Pickups und Mopeds an mir vorbei.

Tatsächlich stehe ich fast zwei Stunden an der Straße. Nur der Gedanke, dass ich ja Zeit habe, weil ich ohnehin nichts weiter vorhabe heute als im Hotel in Quito einzuchecken, lässt mich nicht vor Organisationspanik im Dreieck hüpfen. Ich versuche die Wartezeit insofern zu genießen, als ich hier tatsächlich ganz allein im Regenwald stehe und hören und beobachten kann. Das ist doch auch was.

Andererseits will ich endlich hier weg von all den stechenden Viechern, weil mich das Jucken an den Beinen bald in den Wahnsinn treibt.

Von einem Bus in den nächsten – Härtetest für die Blase

Schließlich kurz nach 11 Uhr kommt ein Bus nach Tena der mich einsammelt. Ich lasse mich überraschen, wann von Tena aus dann der nächste Buch nach Quito geht. Dort kann ich dann auch noch was zu trinken kaufen, aufs Klo gehen und notfalls nochmal Geld abheben.

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Abfahrt in Tena

Tatsächlich habe ich in Tena aber gar keine Zeit. Auf dem Busbahnhof dort will ich erstmal schauen wann und wo ein Bus nach Quito geht. Ein freundlicher Mensch fängt mich aber quasi ab als er mich fragt, ob ich in die Hauptstadt will. Auf mein Nicken führt er mich sofort zu einem Bus, der offenbar in wenigen Minuten zu meinem gewünschten Ziel fährt. Ich kann mich gar nicht so schnell bedanken, wie er wieder verschwunden ist.

Meine Tasche wird verstaut und ich steige ohne zu bezahlen ein. Erst als wir schon mehr als eine halbe Stunde unterwegs sind, kommt der Busbegleiter durch und kassiert uns ab. Das Wechselgeld gibt es nochmal eine halbe Stunde später. Alles total easy.

Und der Abschied schmerzt doch

Wir fahren immer höher ins Gebirge und durch die letzten Ausläufer des Regenwaldes. Als der Himmel sich zuzieht, es donnert und blitzt und regnet, fange ich schrecklich an zu heulen. Obwohl es ätzend ist, die ganze Zeit zu schwitzen und so zerstochen zu werden und dort so riesige eklige Insekten wohnen, finde ich den Abschied mit einem Mal viel furchtbarer als all das. Ich denke ausgerechnet an den Abend mit dem schlimmen Gewitter und sehne mich zurück zur Lodge mitten im Urwald. Unglaublich, dass mein Urlaub an exotischen Plätzen nun tatsächlich schon vorbei ist.

Entführung durch Rebellen oder Routinekontrolle der Polizei?

Während der ganzen Busfahrt steigen mir immer wieder Tränen in die Augen. Nur in dem Moment nicht, als irgendwo unterwegs ein Polizist mit Maschinengewehr den Bus betritt und zu uns spricht. Ich verstehe nicht ein Wort und hoffe einfach, dass es sich um eine Routinekontrolle handelt und alles gut wird, wenn ich mache, was die anderen machen. Da niemand in Panik oder Wehklagen verfällt, sehe ich mich erstmal auch bestätigt. Trotzdem ist mir mulmig.

Wir müssen alle den Bus verlassen, unser Gepäck und die Pässe werden kontrolliert. Ich bin die einzige europäisch anmutende Person hier und fühle mich extrem komisch. Immerhin erkennt der Polizist mich klar als Touristin. Misstrauisch betrachtet er eine Tüte voll Werthers Echte-Bonbons in meinem Rucksack. Ich suche vergeblich nach dem spanischen Wort für Bonbon. Ich werde mich um den Süsskram aber auch nicht streiten. Nach langen Sekunden steckt er die Tüte zurück in meinen Rucksack und lässt mich zu den anderen Fahrgästen gehen. Wenig später ist auch der Bus offenbar kontrolliert und für sauber befunden. Wir dürfen wieder zusteigen.

Meine Anspannung legt sich erst als wir wieder fahren und schon einige Meter zwischen die Kontrolle und uns gebracht haben. Der Rest der Fahrt ist relativ unspektakulär. Relativ deshalb, weil es natürlich wieder interessant ist aus dem Fenster und in die Landschaft zu sehen. Offenbar gab es auch hier ein Unwetter, denn auf der Straße und am Straßenrand finden sich mal mehr mal weniger deutliche Spuren von Erdrutschen. Mitunter ist die eine Hälfte der Fahrbahn nicht befahrbar, weil Steine und Schlamm dort liegen.

In der Hauptstadt angekommen – und ohne Abendbrot ins Bett

Die Dämmerung setzt gerade ein als wir in Quito ankommen. Wieder bin ich am Terminal Quitumbe. Heute jedoch habe ich keinen Blick auf den Cotopaxi, weil es zu wolkig ist.

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Ankunft in Qutio

All die Taxifahrer auf der Jagd nach Kundschaft, die mich im Terminal schon ansprechen, missachtend suche ich als erstes eine Toilette. Nach 10 Stunden dringend nötig. Das Klopapier wird rationiert. Wer mehr braucht hat wohl Pech.

Danach suche ich einen Geldautomaten, denn ich bin blank. Und ohne Kohle nimmt mich auch kein Taxifahrer. Als ich wieder über genügend Barschaft verfüge, steige ich in ein Taxi und lasse mich zum Hotel San Francisco de Quito bringen. Dort angekommen erhalte ich zwar ein erstaunlich großes Zimmer, aber auch die Information, dass es im Hotel kein Restaurant gibt, wo ich zu Abend essen kann. Hmpf. Der Supermarkt nebenan bietet erfahrungsgemäß nichts, was für ein Abendbrot auf dem Zimmer zu gebrauchen ist. Und im Dunklen durch die Straßen zu laufen, sei zu gefährlich. Ich traue mich also auch nicht nach einem Restaurant zu suchen. Die Entscheidung fällt zugunsten der Cracker und M&Ms aus, die ich noch im Rucksack habe.

Schlagzeile: Priester lockt junges Paar auf sein Zimmer

Am Gäste-PC setze ich noch eine Mail an meine Lieben daheim ab, damit die wissen, ich bin wohlbehalten aus dem Regenwald zurück. Danach schreibe ich im zugegeben schönen Empfangsraum des Hotels meine Erlebnisse des Tages auf. Es ist ziemlich viel los in der Lobby. Ein Pater hockt sich mit einer Pulle Rotwein nebenan auf ein Sofa. Als ein junges Paar kommt, überredet er die Beiden mit auf sein Zimmer zu kommen und dort den Wein zu trinken. Das zu beobachten irritiert mich zutiefst. Vielleicht bin ich aber auch nur zu versext und durch die Negativ-Schlagzeilen zur katholischen Version der Nächstenliebe hochsensibel. Zu einem späteren Zeitpunkt werde ich mitbekommen, dass der Pater und das Paar sowie noch einige andere zu einer gemeinsamen Reisegruppe anlässlich der Feierlichkeiten gehören.

Wird Zeit, dass ich auf mein Zimmer gehe und schlafe.

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