Lynsey Addario: Jeder Moment ist Ewigkeit

Warum wird man Kriegsberichterstatter? Was sind das für Menschen, die ihr Leben riskieren, womöglich Einsatzkräfte behindern, Menschen belästigen indem sie ihre schlimmsten Momente festhalten, und das alles für einen Zeitungsbericht, eine TV-Reportage oder eine Fotostrecke? Mit ihrem Buch „Jeder Moment ist Ewigkeit“ will die Fotografin Lynsey Addario dem interessierten Leser ihre Arbeit und ihre Motivation näher bringen.

„Ein im Krieg erfahrener Fotograf hätte es geschafft, dortzubleiben, das Wrack, die Verwundeten und Toten zu fotografieren, aber ich war jung, und dies war meine erste Bombe. … Das Wrack eines Pick-Ups fuhr auf drei geschmolzenen Rädern die Straße entlang, auf der Ladefläche lagen die verstümmelten Reste eines menschlichen Körpers.“ (Zitat Seite 132)

_Jeder Moment ist EwigkeitLynsey Addario ist die jüngste von 4 Schwestern. In jungen Jahren bekommt sie eine Kamera geschenkt, lernt wie man Filme entwickelt und knipst was ihr vor die Linse kommt. Erst Jahre später, in Lateinamerika, stellt sie fest, dass man mit diesen Bildern auch Geld verdienen kann. Bald darauf streift sie durch die Straßen von New York und fotografiert was das Zeug hält. Die Bilder legt sie ihrem Mentor Bebeto vor und lernt von ihm worauf es ankommt. Wie muss das Licht fallen, worauf muss man achten, wie schießt man ein richtig gutes Foto.
Von ihrem Vater erbittet sie das eigentlich für ihre Hochzeit gedachte Budget und finanziert statt einem Kleid und Blumen eine Fotoausrüstung. Und weil sie es in Amerika nicht mehr aushält zieht sie nach Indien. Von dort startet sie mit einer Kollegin und Freundin das erste Mal in den Nahen Osten, nach Pakistan.
In den folgenden Jahren und Jahrzehnten zieht es Lynsey Addario immer wieder an die Krisenherde dieser Welt: Afghanistan, Irak, Syrien, Libyen, Afrika. Sie sieht es als ihre Pflicht und Aufgabe, die Menschen in aller Welt mit ihren Bildern darüber aufzuklären, wie schlimm die Situationen in der jeweiligen Gegend, dem Land wirklich sind. Sie will bewirken, dass die Menschen nicht wegschauen und etwas tun gegen all das Leid.
Die Fotografin macht sich einen Namen, arbeitet für renommierte Zeitungen und Magazine, erhält viele Preise. Aber sie wird auch verletzt, wird entführt und verschleppt, bangt und kämpft um ihr Leben. Und schämt sich, dass sie ihren Angehörigen und ihrer Familie so viel Sorgen bereitet. Doch sie kann einfach nicht aufhören zu fotografieren.

Lasst Euch mitreißen, bewegen und atemlos machen

Das ist ein schweres Buch. Sowohl im wörtlichen als auch übertragenen Sinne. Dank der vielen Fotos ist es auf Hochglanzpapier gedruckt und liegt massiv in der Hand. Das Thema mit all seinen Krisen- und Kriegsgebieten ist dazu ebenfalls keine leichte Kost.
Ich bin äußerst beeindruckt. Offenbar kann Lynsey Addario nicht nur mit einer Kamera umgehen, sondern auch mit Worten. Ihre Geschichte hat mich mitgerissen und sehr bewegt. Oft habe ich das Buch gestreichelt, als könnte ich die Seiten damit dafür entschädigen, welch schlimmen Worten und Sätzen sie Heimat geben, habe die Stirn gerunzelt, vor Spannung mit offenem Mund gelesen und war oft den Tränen nahe. Das Buch hat mich so oft atemlos gemacht, weil die Dinge über die Addario schreibt erschütternd sind.
Wenn in einer Krisensituation jemand mit einer Kamera herumläuft und Fotos schießt, finde ich das be…scheiden. Bei Addario habe ich zwar durchaus den Eindruck, sie will die Menschenwürde soweit wie möglich wahren, indem sie die Beteiligten um Erlaubnis bittet. Ein schaler Beigeschmack bleibt dennoch. Ob man das gut findet, muss ja jeder für sich entscheiden.
Nichtsdestotrotz bewundere ich Addario dafür, dass sie sich in so gefährliche Welten und Regionen begibt, um anderen das Leid zu zeigen und vielleicht für Hilfe zu sorgen. Es ist ein sehr beeindruckendes Leben, das sie da schildert.
Die vielen Fotos im Buch ergänzen die geschriebenen Worte auf eindrückliche und nachhaltige Weise. Oft widerspricht sich die schreckliche Szenerie mit der ihr eigenen Schönheit. Ich weiß nicht wie ich es beschreiben soll; Ihr werdet es verstehen, wenn Ihr die Fotos seht. Und Ihr müsst sie sehen.
Ein unglaubliches Buch mit fantastischen Bildern und einer bewegenden Geschichte.

Mehr beeindruckende Biografien:

Philip Oprong Spenner: Move on up
Captain Phil Harris
Oliver Sacks: On the move
Billy Crystal: 65
Ulla Lachauer: Magdalenas Blau

 

Autorenporträt
Lynsey Addario, *1973, ist eine US-amerikanische Fotojournalistin, deren Arbeiten regelmäßig in der New York Times, im National Geographic und im Time Magazine erscheinen. Sie berichtete über Konflikte in Afghanistan, Irak, Libyen, Somalia, Darfur und Kongo und erhielt zahlreiche Auszeichnungen für ihre Reportagen, darunter den Pulitzer-Preis für internationale Berichterstattung.
Fotos von Lynsey Addario findet Ihr auch auf Ihrer Homepage: http://www.lynseyaddario.com/
(Ihr müsst UNBEDINGT die Porträts anschauen! Meine Lieblingsbilder sind Nr. 15 und 22. Welche findet Ihr am beeindruckendsten?)

Buchinfo
„Jeder Moment ist Ewigkeit. Als Fotojournalistin in den Krisengebieten der Welt“ von Lynsey Addario, erschienen bei Econ
Hardcover: gebunden mit Schutzumschlag, 368 Seiten, € 25,00, ISBN-13 9783430202121
(Der amerikanische Originaltitel „It’s What I Do. A Photographer’s Life of Love and War“ gefällt mir hier deutlich besser.)

Quellen
Bild+Text: www.ullsteinbuchverlage.de / Text (außer Autorenporträt): Susanne

 

Wenn Ihr das Buch gelesen habt, schreibt mir doch wie es Euch gefallen hat. Ich freue mich auf Eure Meinungen.

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4 Gedanken zu “Lynsey Addario: Jeder Moment ist Ewigkeit

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