Anja Jonuleit: Rabenfrauen

Christa, Ruth und Anne – diese drei Frauen tragen Anja Jonuleits Geschichte über die Colonia Dignidad, die Kolonie Würde. In drei parallelen Erzählsträngen erfährt der Leser wie Christa in die Fänge der Sekte gerät, wie Ruth ihre Freundin verliert und wie Anne nach Jahrzehnten mit dem Schreckensbild Colonia Dignidad in Berührung kommt.

_RabenfrauenAnne: Nach dem Tod ihres Lebensgefährten Maximilian kehrt Anne in ihre Heimat Deutschland zurück. Bald lernt sie die eigentümliche Renate und ihren nicht minder eigentümlichen Mann Horst samt den beiden Kindern kennen. Eigentümlich deshalb, weil die beiden weder über Mimik noch Gestik verfügen, sich seltsam altmodisch kleiden und obgleich sie nahtlos zum Du übergehen, doch sehr verschlossen sind. Offenbar haben die beiden Maximilian gut gekannt, denn in seinem Mailpostfach finden sich Nachrichten eines chilenischen Anwalts für Renate und Horst. Als Anne stellvertretend diese Nachrichten überbringt, erzählt das ungewöhnliche Paar ihr von seinem Leben in der Colonia Dignidad. Anne ist erschüttert und erzählt ihrer Mutter Ruth davon. Diese reagiert ungewohnt abweisend und geheimniskrämerisch.
Ruth: Das letzte Schuljahr bricht an. Rita und ihre beste Freundin Christa helfen auf den Feldern aus und erfrischen sich danach im Fluss. Dort treffen sie auf den gutaussehenden Erich, der gerade mit seinen Freunden ein Zeltlager errichtet. Die nächsten Tage verbringen Rita und Christa viel Zeit in dem Lager. Sie wollen Erich nahe sein und entfernen sich dadurch voneinander. Auch dem charismatischen Paul Schäfer wollen die Mädchen gefallen. Der offensichtliche Anführer predigt derart intensiv, dass jeder sich angesprochen fühlt. Ruth allerdings ist die permanent geforderte Beichte recht suspekt und sie bleibt eher auf Distanz zu den streng-religiösen Ansichten Schäfers und seiner Anhänger.
Christa: Mit dem Schiff geht die Reise nach Chile. Beseelt von dem Gedanken an ein besseres und gottgefälligeres Leben in der Gemeinschaft von Paul Schäfer akzeptiert Christa die Entbehrungen, die harte Arbeit und die Trennung von ihrem Ehemann. Gemeinsam mit den anderen Anhängern lässt sie auf dem wilden Grundstück nach und nach einen autarken Ort entstehen, in dem strengste Regeln herrschen. Beherrscht von Schäfer und den „Herren“ leben Frauen und Männer getrennt, darf niemand etwas besitzen, denn niemand darf in irgendeiner Weise bevorzugt werden, man bespitzelt sich gegenseitig und drakonische Strafen warten auf die Sünder. Mütter werden von ihren Kindern getrennt, das Konstrukt der Familie gibt es nicht. Kinder wissen nicht einmal, dass sie überhaupt eine Mutter haben. Zunehmend fühlt Christa sich eingeschränkt und bedroht. Eines Tages wagt sie die Flucht.

Völlig umgehauen

Das Buch hat mich völlig umgehauen. Ich komme mir auch jetzt, nach Tagen und Wochen, noch so vor, als wäre ein Schnellzug an mir vorbeigerauscht, den ich nicht kommen sah. Ich versuche daher erstmal das Buch unabhängig vom Thema zu rezensieren.
Den Aufbau des Buches finde ich klasse. Die drei Erzählstränge ergänzen sich super. Dabei berichtet Anne aus der Gegenwart, ihre Mutter Ruth berichtet aus der Zeit Ende der 50er Jahre und Christa beschreibt ihre Erlebnisse ab 1961. Jede der drei Frauen hat ihre eigene Schriftart, so dass der Leser mühelos erkennt, wann wer dran ist. Sehr gut gemacht.
Das Buch ist in drei Teile gegliedert, wobei im dritten und letzten Teil alles in der Gegenwart zusammen fließt.
Mir hat das Buch sehr gut gefallen. Ich mag den Schreibstil von Anja Jonuleit ohnehin sehr. Ich fand es spannend und habe es geradezu verschlungen. (ACHTUNG kleiner Spoiler: Zwar habe ich relativ früh schon um das Geheimnis gewusst, was aber 1. den Lesespass überhaupt nicht gemindert hat und 2. vielleicht daran liegen kann, dass ich schon mehrere solche Bücher gelesen habe.)
Das Buch ist – dank des Themas  Colonia Dignidad – alles andere als eine lockere Unterhaltungslektüre. Ich kann es dennoch nur empfehlen. Ich empfehle Euch aber auch, wenn Ihr Euch nicht sicher seid, lest vorher mal das Nachwort der Autorin auf der Website des Verlages nach.

Zusatz-Geblubber

Wie schon erwähnt, hat mich das Thema des Buches total umgehauen. Ich habe schon vorher mal von der Colonia Dignidad gehört, aber nicht um Einzelheiten gewusst. Inzwischen habe ich zwar einige andere Artikel dazu gelesen, war aber schon nach wenigen Texten so fassungslos, dass ich die Lektüre unterbrechen musste. Auch jetzt finde ich kaum Worte, um meine Gefühle zu beschreiben, weil ich es nicht begreifen kann. Mir fallen eben nur die üblichen Floskeln wie „unfassbar“ und „unbegreiflich“ ein.
Warum folgt man einem anderen Menschen in so ein totalitäres System? Kann das wirklich am Glauben liegen? Warum lässt man sich von einem anderen etwas vorschreiben, obwohl der es selbst nicht beherzigt? Wie kann ein Leben mit so viel Misstrauen, Arbeit und Reglement überhaupt funktionieren? War es das was die Menschen wollten und erwartet haben? Und wie lebt eine Mutter damit ihr Kind herzugeben und eben keine Mutter zu sein? Gab es tatsächlich Frauen, die das freiwillig gemacht haben? Wie lebt es sich überhaupt so völlig ohne das Konstrukt der Familie? Allein die Tatsache, dass jemand sich so ein perfides System überhaupt ausdenkt, geht mir nicht in den Kopf.
Das sind nur ein paar wenige der Fragen, die mich gerade beschäftigen. Ich brauche sicherlich noch eine Weile, bis ich das für mich sortiert habe. Und ich werde mir sicher auch noch mehr Lektüre zum Thema besorgen.

Mehr von Anja Jonuleit:

Der Apfelsammler

 

Autorenporträt
Anja Jonuleit wurde in Bonn geboren, lebte einige Jahre im Ausland und studierte Italienisch und Englisch. Sie arbeitete als Übersetzerin und Dolmetscherin, bis sie anfing, Romane und Geschichten zu schreiben. Sie lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Friedrichshafen.

Buchinfo
„Rabenfrauen“ von Anja Jonuleit, erschienen bei dtv premium
Taschenbuch: 400 Seiten, € 14,90, IISBN 978-3-423-26104-3
eBook: 320 Seiten, € 12,99, ISBN 978-3-423-42964-1

Quellen
Bild/Autorenporträt: www.dtv.de / Text (außer Autorenporträt): Susanne

 

Wenn Ihr das Buch gelesen habt, schreibt mir doch wie es Euch gefallen hat. Ich freue mich auf Eure Meinungen

Advertisements

2 Gedanken zu “Anja Jonuleit: Rabenfrauen

  1. Pingback: MoFra: Lesestatistik und 1. Fazit 2016 | Wortgestalten

  2. Pingback: Mein Lesejahr 2016 – Die Highlights | Wortgestalten

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s