Ein Tag in Auschwitz

Da stehen wir nun. Die Sonne scheint von einem strahlend blauen Himmel, es ist heiß und wir haben einen Sicherheitscheck hinter uns. Man könnte meinen wir wären in den Flieger gestiegen und irgendwo im sonnigen Süden gelandet mit Strand und Meer und guter Laune. Um uns aber sind Ziegelhäuser, Stacheldraht … und dieses Tor. Das mit dem Schriftzug. Arbeit macht frei.
In den Maschen des Tores steckt eine weiße Rose.
Wir sind in Auschwitz I, dem Stammlager. Einem der grauenvollsten Ort dieser Welt wie ich finde. Als ich durch das Tor mit den berüchtigten Worten trete, rechts und links zwischen den Stacheldrahtzäunen entlang blicke, schnürt es mir die Kehle zu. Tränen treten mir in die Augen. Oh man, jetzt schon? Wie soll denn der Rest des Tages werden, wenn wir das Gelände besichtigen und bei der Führung sicherlich allerlei schlimme Dinge hören?!

Der Ort spricht für sich

Ich weiß nicht genau wie es meiner Begleitung geht. Wir reden nicht viel. An diesem Ort spricht zu viel für sich selbst. Die Blocks, die Todeswand, die Gefängniszellen, die Räume voller Fotos, Zeichnungen, Dokumente und Geschichten von Menschen, die vor uns hier waren. Allerdings nicht freiwillig.
Bis unsere Führung beginnt laufen wir allein über die staubigen Straßen. Trauen uns erst in den dritten Block bei dem wir die Tür offen stehen sehen. Er ist den ungarischen Opfern von Auschwitz gewidmet. Wir besuchen noch die Blocks in denen die Franzosen, Belgier und Niederländer ihrer Angehörigen gedenken. Tausend Kinderfotos mit persönlichen Informationen, dazu menschliche Schatten an den Wänden, Geräusche die von den Geschehnissen hier zeugen.
Aus dem ersten Block wieder hinaus zu treten, ist wie der Schritt in eine andere Welt. Aus der Düsternis ins Licht. Ich bin ziemlich schockiert von diesem Gegensatz.
Weder meine Begleitung noch ich finden die rechten Worte. Selbst im Nachhinein fällt mir immer nur fassungslos und unbegreiflich ein, wenn ich beschreiben soll, was mein Eindruck ist.

Nur ein Museumsbesuch

Als wir schließlich unsere 3,5 stündige Führung starten, ist allerdings auch die bisher gedämpfte Emotionalität meinerseits völlig dem Eindruck eines stinknormalen Museumsbesuches gewichen. Obwohl ich mir nach der Begrüssung durch den Guide mit Schrecken die Frage stellte: Hat sie tatsächlich gerade gesagt keine Fotos in dem Raum mit den Haaren??? Aber die Angst hinsichtlich meiner Über-Emotionalität ist unbegründet. Wie gesagt, wirkt alles wie ein alltäglicher Besuch in einem Museum. (Was es im Grunde ja auch ist.)
Der Grund sind die Massen von Menschen. Im 10 oder 15 Minuten-Takt werden verschiedensprachige Gruppen von 15-25 Leuten über das Gelände geführt. Touristen in bunten Klamotten, mit Fotoapparaten und Handys, teilweise auch Selfiesticks. Sie knipsen und schauen, tuscheln manchmal, hören aber zumeist aufmerksam ihrem Guide zu.
Immer wieder bleiben wir stehen und erhalten Informationen zu den Gebäuden, den Bildern, den Fotografien, den verschiedenen Ausstellungsstücken. Von all den perfiden Ideen der Nazis, dem Leid der Häftlinge und den unfassbaren Ereignissen. Es bleibt keine Zeit nachzudenken und zu verarbeiten, auch nur kurz inne zu halten, denn da ist schon die nächste Gruppe hinter einem bzw. es geht schon weiter zum nächsten Block.

Keine Zeit zum Nachdenken

Nur an zwei Stellen ist für etwa eine halbe Minute Ruhe und Gedenken: an der Todeswand zwischen Block 10 und 11 im Stammlager und am Mahnmal in Birkenau. An beiden Orten auch Blumen, Kränze und Kerzen, um der Opfer zu gedenken.
Als wir in der Gaskammer im Stammlager stehen, vor den rekonstruierten Verbrennungsöfen direkt daneben, dem Sammelgalgen, dem Appellplatz, bei den Zellen der Häftlinge, vor dem Berg von menschlichem Haar und den Koffern mit all den Namen, die einst persönliche Gegenstände und sicherlich auch viele Hoffnungen bargen … keine Zeit. Wir besuchen auch nicht jeden der 18 zugänglichen Blöcke. Das ist vermutlich vorbehalten für die 6stündige Führung. Oder man macht das auf eigene Faust.
Es ist übrigens überraschend ruhig hier. Bei all den Menschen habe ich einen größeren Lärmpegel erwartet. Aber die Guides und ihre jeweiligen Gruppen haben auf Funk basierende Geräte dabei. Mit Kopfhörern und einem Empfänger ausgestattet, verstehe ich auch auf eine Entfernung von 20 Metern meinen Gruppenführer ohne das dieser laut sprechen muss.

Auschwitz II – Birkenau

Nach ca 2 Stunden im Stammlager gibt es eine kurzen Pause und dann geht es mit einem Shuttle-Bus ins ca 3km entfernte Lager Auschwitz II – Birkenau. Das Gelände wo die Selektionen durchgeführt wurden, wo unzählige Baracken standen und vier Krematorien mit Gaskammern.
Noch immer scheint die Sonne und das Wetter ist pervers schön. Auch hier sind viele Touristen. Während wir auf unseren Guide warten machen viele von ihnen Bilder von dem berühmten Torbogen, durch den die Häftlingstransporte einfuhren. Ich habe meine Kamera auch dabei. Aber zum Fotografieren ist mir nicht zumute. Es gibt nichts was ich hiervon in ein Album kleben will. Ohnehin ist alles in meinem Kopf.

Ein Blick in die Baracken

Zur Rampe mit den Selektionen, zum Mahnmal, den Ruinen der Gaskammern und Krematorien, vorbei an dem kleinen Teich in den die Asche der Toten gekippt wurde, hinein ins Frauenlager. Hier sind die Baracken aus rotem Ziegelstein. Fast alle sind erhalten, aber restaurierungsbedürftig. Ein Blick in die Baracke für die Notdurft, durch die Baracke in der man sich theoretisch waschen hätte sollen (wenn man Wasser und Seife gehabt hätte) und anschließend in eine der Schlafbaracken.
Drei Etagen übereinander, die unterste ebenerdig. Alle etwa 1,5×1,5m. Gedacht für 5-6 Menschen. Mein Bett ist 1,4×2,0m – für mich alleine. In einer dieser staubigen Bretterkojen entdecke ich eine vertrocknete rote Nelke. Jemand muss sie zum Andenken hier gelassen haben. Eine schöne Geste.
Zurück im Sonnenschein beendet unser Guide die Führung. Ich bin froh. Meine Füße schmerzen von den steinigen und staubigen Wegen, dem langsamen Gehen, die knallende Sonne macht mich fertig und ich habe Hunger. Dahinter der Gedanke, dass die Menschen die vor 80 Jahren hier waren weitaus mehr gelitten haben als ich jetzt und auch mehr als ich mir vorstellen kann.

Der Versuch zu Begreifen

Meine Begleitung und ich beschließen uns auf den langen Heimweg zu machen. Sie hat eine einjährige Tochter, die auf sie wartet und ich verstehe das. Wäre ich allein, würde ich vielleicht doch noch eine oder zwei Stunden bleiben und mir ansehen, was die Führung nicht gezeigt hat. Aber ich bin auch nicht böse, dass mir die Entscheidung so abgenommen wird.
Der Großteil der vierstündigen Rückfahrt ist ruhig. Versuche das Gesehene und Gehörte in Worte zu fassen und den Sinn zu begreifen, sind eben das: Versuche. All das muss erstmal sacken. Es braucht einige Tage, bis ich Vergangenheit und Gegenwart zusammen bringe. Dass ich realisiere wo ich stand und wo ich ging und was für ein schrecklicher Ort das ist. Dass er keinen sonnigen Tag verdient hat und nicht so viele Touristen. Aber dass es doch gut ist, dass sich so viele auf den Weg machen, um die Vergangenheit nicht zu vergessen.

Der groteskeste Ausflug

Es war der groteskeste Ausflug, den ich je gemacht habe. Mit dem tollen Wetter, der langen Fahrt und der komischen Musik. Denn wir konnten nur Kassetten hören, weil das Fahrzeug nicht nagelneu war. Und der Vorrat an Kassetten beschränkt sich eben auf Schlager aus den 90ern. Das absolute Kontrastprogramm zu Auschwitz.

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Ein Gedanke zu “Ein Tag in Auschwitz

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