Scott Stossel: Angst

Angst hat wohl jeder schon einmal gehabt. Egal ob berechtigt in einer wirklich gefährlichen Situation oder grundlos aus heiterem Himmel. Obwohl Angst eine durchaus nützliche Reaktion ist, kann letzteres kann im Übermaß das Leben völlig auf den Kopf stellen. Denn dann spricht man mitunter von einer Angststörung oder Phobie, die einen im Alltag beeinträchtigt. Scott Stossel hat gleich mit mehrere Phobien und sich im Rahmen dieses Buches näher damit befasst.

_angstScott Stossel hat Angst. Vor vielerlei Dingen. Vor dem Erbrechen, vorm Fliegen, vor Käse, vor großen Menschenmengen, vor Keimen, etc. Seine Ängste und Phobien bestimmen sein Leben, beeinträchtigen es oft genug. Seit Jahrzehnten ist er in Behandlung von Psychotherapeuten und nimmt Medikamente. Oft genug muss auch der Alkohol unterstützend eingesetzt werden.
Daher hat Scott Stossel so viel wie möglich über das Thema gelesen. Über Angst, nervöse Störungen, Depressionen und damit verbundene körperliche Leiden. Warum zum Beispiel Magen und Darm verrückt spielen, wenn man Angst verspürt. Inwieweit haben Phobien an Bedeutung gewonnen in den letzten Jahren, Jahrzehnten, Jahrhunderten? Es geht um die Entstehung der Begrifflichkeiten. Wie aus Hysterie, Nervosität und Melancholie eben Angst und Panik und Depression wurde. Wie die Beschwerden in den verschiedenen Jahrhunderten behandelt wurden und wie sich diese Behandlung entwickelte. Welche Bedeutung hat die Pharmaindustrie? Ist es ein Zufall, dass die Diagnosen für Angstkrankheiten in die Höhe schnellen nachdem ein entsprechendes Beruhigungsmittel neu auf den Markt kommt? Und welche Rolle spielt die genetische Veranlagung? Ist Scott Stossel so ängstlich, weil das in seiner DNA so programmiert ist?
Stossel berichtet zum Teil über sein eigenes Leben und wie es beeinträchtigt wird, durch seine Ängste und Panikattacken. Hauptsächlich jedoch geht es um die fachliche Seite der Angst als Erkrankung. Was ist physisch bedingt, was psychisch? Warum gibt es heute mehr Phobien als noch Mitte des 20. Jahrhunderts? Wie sieht es in der Forschung aus, welche Studien laufen und brachten schon Ergebnisse?
Eine umfassende Auseinandersetzung eines Ängstlichen mit seiner Angst.

Um Gottes Willen, so viele Fußnoten!

Das Buch ist sehr interessant. Ich habe einiges erfahren. Nicht nur woher der Begriff Panik kommt und das Darwin ständig kotzen musste. Und das es Menschen gibt, die Angst vor Käse haben.
Scott Stossel nähert sich dem Thema eher von der fachlichen Seite, obwohl er – abgesehen von seinen Ängsten – kein Experte ist auf dem Gebiet. Mir wäre es lieber gewesen, wenn noch mehr persönliches drin gewesen wäre, aber das ist Ansichtssache. Denn wie gesagt, interessant und lehrreich war es auf jeden Fall.
Ich fand es aber auch recht mühsam zu lesen. Das Thema ist natürlich kein einfaches. Viele Fachbegriffe und die ständige Nennung von Medikamenten bzw. den Wirkstoffen erschweren das Lesen. Und dann die Fußnoten! Um Gottes Willen, so viele Fußnoten. Teilweise eine ganze Seite lang! Im Ernst? Das fand ich ziemlich übertrieben, weil man ständig die eigentliche Lektüre unterbrechen muss. Einige Fußnoten waren in meinen Augen auch völlig unnötig. Da hätte man besser unterscheiden müssen.
Mir hat überdies eine gesammelte Begriffserklärung am Ende des Buches gefehlt. Gerade was die Medikamenten- und Wirkstoffbezeichnungen anging oder eben Fachbegriffe. Dort hätte man auch die textintensiveren Fußnoten unterbringen können.
Wer sich ausgiebig und ernsthaft mit dem Thema auseinander setzen will, dem rate ich gern zu dem Buch. Wer nur einen kurzen Überblick haben will, der sollte sich eine alternative Lektüre suchen.

Zusatz-Geblubber
Das Buch hat mich dazu gebracht mich auch mit meinen eigenen Ängsten zu befassen. Und irgendwie stelle ich fest: ich habe offenbar keine. Das einzige, das mich aus der Ruhe bringt und bei dem ich körperliche Symptome wie einen flatternden Magen spüre, ist, wenn ich vor großen oder kleinen Gruppen etwas sagen muss. Oder vorm Urlaub bzw. wenn etwas Unbekanntes auf mich zukommt. Dann grüble ich und plane und mir wird mulmig. Aber – und das ist wohl das Wichtigste – es setzt mich nicht außer Gefecht und ich brauche keine Medikamente, um das in den Griff zu kriegen.
Meine Anfälle beim Starten eines Flugzeugs sind zwar wohl sowas wie Panikanfälle, aber wenn ich lese, was Scott Stossel bei einer Panikattacke durchmacht, dann bin ich mit Hyperventilieren, Tränen und kurzzeitiger Schockstarre ja quasi ein Waisenknabe.
Ein bisschen habe ich befürchtet, dass die intensive Auseinandersetzung mit dem Thema Angst mich dazu bringt, gleich die eine oder andere Phobie zu entwickeln. Aber nein, dem ist glücklicherweise nicht so. Vielleicht habe ich ja so ein Gen, das einen hohen Stresslevel erlaubt. Wer weiß.
Jedenfalls, find ich das ein hochinteressantes Thema.

 

Autorenporträt
Scott Stossel ist Redakteur von ›The Atlantic‹. Seine Artikel und Essays erscheinen in allen großen amerikanischen Zeitschriften. Er studierte in Harvard und lebt mit seiner Familie in Washington, D. C.

Buchinfo
„Angst. Wie sie die Seele lähmt und wie man sich befreien kann“ von Scott Stossel, erschienen bei dtv Sachbuch
Taschenbuch: 464 Seiten, € 12,90, ISBN: 978-3-423-34881-2

Quellen
Bild/Autorenporträt: www.dtv.de / Text (außer Autorenporträt): Susanne

 

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Ein Gedanke zu “Scott Stossel: Angst

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