BüRü: Frederick Taylor: Die Mauer

Schon bevor ich diesen Blog hier gestartet habe, schrieb ich Rezensionen. Darunter waren viele Bücher, die mich in irgendeiner Weise (in der Regel positiv) beeindruckt haben. Und es wäre schade, wenn man sich immer nur mit Neuerscheinungen beschäftigt ohne auch mal zurück zu blicken. Daher möchte ich Euch unter der neuen Kategorie „Bücherrückblick“ – kurz BüRü – eben die Bücher vorstellen, die zwar nicht neu, aber eben für mich sehr nachhaltig sind. Viel Spaß dabei.

Jahrelang war die Berliner Mauer ein Synonym für Trennung und Unmenschlichkeit. Sätze wie 1961 von Walter Ulbricht getätigt „Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten.“ oder die Forderung des Volkes am Jahr 1989 „Die Mauer muss weg!“ sind vielen bekannt und auch berüchtigt. Doch was hat es mit dieser ominösen Mauer auf sich? Selbst jetzt, da sie real nicht mehr existiert, wird noch immer von der „Mauer im Kopf“ gesprochen. Frederick Taylor hat sich mit der Mauer beschäftigt – von der Idee, über die Ausführung bis hin zu ihrem Fall.

die-mauerAls Nicht-Deutscher war Frederick Tayler vom Mauerbau nicht direkt betroffen. Ihn verbindet eher eine persönliche Geschichte mit dem schicksalhaften Tag als die Menschen in Ost-Deutschland regelrecht eingeschlossen wurden. Dieses Bauwerk hat ihn nicht mehr losgelassen und er hat sich aufgemacht, die Geschehnisse hinter dem unmenschlichen Bollwerk zu ergründen.
Dennoch fällt der Autor nicht gleich mit der Tür ins Haus. Zunächst schildert er die Ursprünge der Stadt Berlin an sich: Wie sie entstand, wer dort herrschte und warum dieser Ort bereits im 19. Jahrhundert durch eine Mauer zweigeteilt wurde.
Im Eiltempo bewegen wir uns durch die Geschichte bis hin zum Ende des Zweiten Weltkrieges, als Berlin über gleich vier Besatzungsmächte verfügt: Amerika, Großbritannien, Frankreich und die Sowjetunion. Ab da folgt Taylor beinah minutiös den Ereignissen. Im sowjetisch besetzten Teil Berlins hat Walter Ulbricht die Macht in seiner Hand. Wenn auch von den Russen gelenkt. Sein Bestreben und das der Russen ist ein Berlin unter ihrer Führung. Die anderen Besatzungsmächte allerdings sind nicht kooperationswillig.
Fortan grenzt sich die sowjetische Besatzungszone ab und kocht ihr eigenes Süppchen. Man will die westlichen Besatzer zermürben und zur Aufgabe West-Berlins zwingen, auf das dieses ganz in russische Hände fällt. Doch der Plan schlägt fehl und das Ziel rückt in weite Ferne. Das Leben außerhalb der sowjetischen Besatzungszone ist für die Menschen allerdings wesentlich verlockender. Die Ost-Zone blutet menschlich langsam in Richtung Westen aus.
Fehler in der Regierung werden nicht einmal in Erwägung gezogen. Die Schuld wird in westlichen Regionen gesucht, der Feind ausgemacht. Das zu regierende Volk muss geschützt werden vor den kapitalistischen westlichen Einflüssen. Es soll vielmehr unter der Fuchtel des Sowjetregimes und seiner Handlanger stehen.
Bis 1961 sieht Ulbricht sich die Massenauswanderung an und fasst schließlich einen fatalen Plan: eine Mauer muss her. Mit der Ausführung betraut ist Erich Honecker – später absolutistischer Herrscher über die DDR. In einer Sommernacht im August wird der Plan in die Tat umgesetzt. West-Deutschland und West-Berlin sowie die ahnungslosen Bewohner im Osten werden vor vollendete Tatsachen gestellt. Nach und nach wird aus den anfänglichen Stacheldrahtverhauen eine massive Mauer mit allerlei Sicherheitsvorkehrungen. Von Seiten der Westmächte gibt es so gut wie keinen Widerspruch. Die Mauer wird weitestgehend akzeptiert bzw. es wird nichts dagegen unternommen.
Für die Einwohner von Ost-Deutschland folgen Jahre der Entbehrung und Unterdrückung. Mangelwirtschaft und fehlende Freiheit werden mit Sozialleistungen „ausgeglichen“. Wer sich vermeintlich oder auch nur ansatzweise gegen das Regime wendet muss mit Sanktionen rechnen. Wer gar die Flucht wagt, muss den Tod fürchten – an der Mauer gilt der „Schießbefehl“. Flüchtende die lebend auf Seiten der DDR gefasst werden oder Dissidenden, werden paradoxerweise gegen Bares an Westdeutschland verkauft und ausgewiesen. So sichert sich der Staat zusätzliche Einnahmen.
Doch Ende der 80er kann nichts mehr über den Bankrott der DDR hinwegtäuschen. Immer größer werden die Unruhen, immer mutiger und lauter das Volk. Bis am 09.11.1989 in den Nachrichten verkündet wird „Die DDR hat ihre Grenzen geöffnet.“

Meine persönliche Reise

Als „Kind des Sozialismus“ aufgewachsen, war dieses Buch für mich auch eine persönliche Reise. Als Kind hat mich die Politik des Landes nicht interessiert. Die Grenze zu Westdeutschland – auch die Mauer in Berlin – waren für mich weit weg, noch nicht einmal in meinem Dunstkreis. Ich war Kind, hatte was ich brauchte und war glücklich.
Das Buch hat mir vieles näher gebracht, verständlich gemacht und mir in mancher Hinsicht die Augen geöffnet. Das ist weit mehr als ich erwartet hatte. Die Lektüre ist auch bei weitem nicht so trocken, wie ursprünglich befürchtet. Das liegt wohl zum Teil an den immer wieder einfließenden Anekdoten und auch an den Bildern. Vielleicht auch an den vielen bekannten Namen die im Buch auftauchen.
Dieses Zeitzeugnis der jüngeren Vergangenheit sollte tatsächlich in jedem deutschen Haushalt stehen und gelesen werden. Sei es bei ehemaligen DDR-Bewohnern um die eigene Vergangenheit zu begreifen oder für ehemalige BRD-Bewohner um die ursprüngliche Geschichte Deutschlands kennen zu lernen.
Eine wertvolle Lektüre und sehr zu empfehlen.

 

Autorenporträt
Frederick Taylor hat Neue Geschichte und Germanistik studiert und ist Fellow der Royal Historical Society. Die deutsche Geschichte kennt Taylor von mehreren Studienaufenthalten, die ihn bereits in den 1970er Jahren für längere Zeit in beide deutsche Staaten führten. Er hat sich als Autor und Übersetzer (u. a. der Goebbels-Tagebücher) einen Namen gemacht. Sein Buch über die Bombardierung Dresdens im Zweiten Weltkrieg „Dresden. Dienstag, 13. Februar 1945“ (2004) wurde ein internationaler Bestseller.

Buchinfo
“Die Mauer – 13. August 1961 bis 9. November 1989“ von Frederick Taylor
Taschenbuch: Paperback, Klappenbroschur, erschienen 2011 bei Pantheon, 576 Seiten, € 16,99, ISBN: 978-3-570-55114-1

Quellen
Bild+Autorenporträt: www.randomhouse.de / Text (außer Autorenporträt): Susanne

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